Eine Liebe für`s Leben



Rex war ein Schäferhund – Mischling und gehörte den Nachbarn meiner Großeltern. 
Als ich nach unserer ersten Begegnung nicht aufhörte von ihm zu reden, 
gab meine Omi irgendwann nach und besuchte ihn mit mir gemeinsam. 
Die Wiedersehensfreude war groß und von Zeit und Stunde an, 
waren wir unzertrennlich. 
Die ohnehin recht häufigen Besuche bei meinen Großeltern wurden durch Rex noch häufiger.
Jede freie Minute verbrachte ich mit „meinem“ Hund.

Rex war ein echter Dorfköter, 
der auf dem Hof seinen Auslauf und seine Hütte hatte. 
Spazieren ging er für gewöhnlich alleine; 
er streunte, immer der Nase nach, stundenlang durch Dorf, Wald und Feld. 
Jeder kannte ihn und jeder mochte ihn. 
Beim Fleischer bettelte er so lange vor der Tür, bis die nette Verkäuferin ihm endlich 
eine Scheibe Wurst spendierte. 
Beim Bäcker staubte er ein trockenes Brötchen ab und wenn er mitten auf der Dorfstraße 
in der Sonne döste, fuhren die wenigen Autos um ihn herum. 
Was für ein Hundeleben !

Vielleicht hat ihm aber doch etwas gefehlt in seinem so selbstbestimmten Leben 
und als kluger Hund spürte er, dass ich es ihm geben konnte.

Er freute sich jedes Mal fast weg, wenn ich zu ihm kam. 
Denn das kleine Mädchen brachte nicht nur Kotelettknochen, Speckstreifen und 
Wurstzipfel mit, sondern auch viel Zeit. 
Stundenlang ließ er sich streicheln, die Ohren kraulen und Kletten aus dem Fell friemeln. 
Er, der von Welpenbeinen an immer frei lief, ließ sich von mir an der Leine 
durch die Gegend führen. Geduldig lauschte er meinen Geschichten, 
legte seinen Kopf schief und schaute mich so an, als würde er alles verstehen. 

Im Frühling 
lagen wir gemeinsam unter den riesigen Kastanienbäumen neben der Kirche 
und schauten den Wolken hinterher,
 im Sommer 
planschten wir im schattigen Wald an einem kleinen Bach,
im Herbst 
tobten wir zusammen durch das Laub 
und im Winter 
rodelten wir im Schnee.

Einmal wurden wir von einem furchtbaren Gewitter überrascht 
und während meine Omi, fast verrückt vor Sorge, im ganzen Dorf nach mir suchte, 
saß ich, fest an Rex gekuschelt, mit in seiner Hundehütte.

Ein anderes Mal 
suchten Rexis Leute nach ihm und fanden ihn – in meinem Bett. 
Ich war gerade in die Schule gekommen und mächtig stolz darauf, 
ihm nun Märchen vorlesen zu können.

Mein Rex konnte auch "schreiben". 
Ich war im Urlaub und eines Tages kam eine Postkarte mit einem Pfotenabdruck von ihm. 
Was habe ich mich gefreut ! 

Viele Jahre später hat Rex mir noch einmal geschrieben 
und noch heute hüte ich diese zwei Karten wie einen wertvollen Schatz.

Nachdem ich ihn jahrelang 
immer wieder zu meinem Geburtstag eingeladen hatte, taten mir seine Leute 
irgendwann den Gefallen. Sie setzten den armen Hund in`s Auto 
und fuhren mit ihm die 7 Kilometer bis zu mir nach Hause.
(Ziemlich sicher war es seine einzige Autofahrt ...) 
Ich weiß nicht mehr, welcher Geburtstag es war, aber ich weiß noch 
wie stolz ich den Geburtstagsgästen meinen Rex präsentierte. 
Mit ihm durch den Garten zu toben
war mein schönstes Geburtstagsgeschenk !
Um so schmerzlicher war dann allerdings der Abschied.

Sowieso, immer dieses Abschied nehmen.

Jeder Besuch, jede Ferienzeit bei meinen Großeltern ging irgendwann zu Ende 
und ich musste mich wieder von Rex trennen.
Mit den Hinterbeinen auf seiner Hütte, mit den Vorderbeinen auf dem Bretterzaun stehend, 
schaute er dem davonfahrenden Auto hinterher und ich weinte mir jedes Mal 
die Augen aus dem Kopf.

Dieses Bild von ihm hat sich unlöschbar in meiner Erinnerung eingebrannt.

Wie oft habe ich in den gemeinsamen Jahren versucht, mich leise anzuschleichen; 
doch wenn ich um die Ecke kam, stand er schon auf seiner Hütte, 
guckte über den Zaun und wedelte mich an !

Die Zeit verging 
und als ich 10 Jahre alt war, verkauften meine Großeltern ihr Haus und den Frisörsalon 
und zogen zu uns in die Stadt. Ich verstand die Welt nicht mehr. 
Wie sollte es mit Rex und mir weitergehen ?
In meiner kindlichen Naivität bat ich seine Leute, ihn mir zu schenken. 
Sie versicherten, ich könne ihn jederzeit besuchen.
Meine Familie versprach, mich regelmäßig zu ihm zu bringen 
und hat es wohl auch einige Male getan.

Aber nichts war mehr wie früher.
Wir konnten nicht mehr gemeinsam in Omis Schrebergarten 
zum Naschen - der gehörte nun anderen Leuten; wir konnten uns nicht mehr 
beim Himbeeren sammeln im Wald verstecken - denn niemand kochte mehr Himbeeren ein; 
wir konnten nicht mehr einfach so durch 
die Gegend stromern - denn schon bald wollte mich irgend jemand wieder nach Hause fahren. 
Das Warten auf einen Besuch dauerte immer unendlich lang 
und die gemeinsame Zeit verging dann so rasend schnell.
Der Abschied, der schon immer schlimm gewesen war, wurde unerträglich, 
weil ich nie wusste, wann ich Rex das nächste Mal wiedersehen würde.
Ich war lange Zeit sehr unglücklich.

Doch dann kam, was kommen musste.
Die Besuche wurden immer seltener und der Schmerz darüber kleiner.
Ich war inzwischen ein Teenager. 

Regelmäßig erkundigte ich mich nach meinem alten Freund, aber ich hatte ihn 
lange nicht mehr gesehen.
Irgendwann müssen es Jahre gewesen sein.

Die goldene Hochzeit meiner Großeltern wurde in der alten Dorfkirche gefeiert. 
Nebenan wohnte noch immer Rex.
Während alle zum Gottesdienst gingen, ging ich zu ihm.
Er lag vor seiner Hütte, er konnte schon lange nicht mehr nach oben springen. 
Ich rief leise nach ihm, doch er konnte schon lange nicht mehr gut hören. 
Ich ging auf ihn zu, doch seine trüben Augen konnten mich nicht mehr erkennen. 
Ich hockte mich zu ihm auf den Boden und hielt ihm meine Hände vor die Nase. 

Da plötzlich kam Leben in den alten Hund. 

Er schnupperte, begann zu lecken, rappelte sich auf, wedelte, drückte sich an mich 
und jaulte und bellte mit heiserer Stimme.
Längst waren seine Leute auf uns aufmerksam geworden - Rex hatte schon lange nicht mehr so gebellt. 
Als meine Familie aus der Kirche kam, saß ich mit meinen schicken Festtagsklamotten 
im Hofstaub und hatte Rex auf dem Schoß. Doch niemand sagte etwas. Alle waren gerührt.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so mit ihm saß, ihn gestreichelt 
und von den vergangenen Jahren erzählt habe. 
Aber ich weiß noch, dass er nach der großen Aufregung des Wiedersehens, 
ganz ruhig in meinen Armen lag und die ganze Zeit mit dem Schwanz wedelte. Ich weiß noch, 
dass meine Tränen auf seine graue Schnauze tropften und er sie immer weggeleckt hat. 
Und ich weiß noch, dass er so wunderbar nach Hund roch; dieser Geruch, der immer 
in all meinen Sachen gesteckt hatte, wenn ich früher stundenlang mit ihm, 
der ja bei Wind und Wetter draußen lebte, gekuschelt hatte.

Es war unser letztes Wiedersehen und es war unser letzter Abschied. 
Es hat noch mal verdammt weh getan, aber es war auch noch mal verdammt schön.

Ich war 15 Jahre alt, als ich erfahren habe, dass Rex gestorben ist. 
Die Tochter seiner Besitzer war meine Biologielehrerin. Sie erzählte es mir in einer Schulpause.
Ich versuchte tapfer zu sein und weinte doch; heimlich und ganz alleine auf dem Klo.

Rex ist meine schönste Kindheitserinnerung.

Er war die erste Hundeliebe meines Lebens – und die vergisst man ja bekanntlich nie !

* weiter *